Regie/Konzept

Die Aufführung der drei Reformopern Glucks im neuen Format

Die Reformopern des Christoph Willibald Gluck als szenisches Konzert auf die Bühne zu bringen, bedeutete für alle Beteiligten des Projektes eine große Herausforderung. Joachim Schlömer und Susanne Øglænd erläuterten ihr Regiekonzept vor den Aufführungen im Oktober 2007.

»Für jedes der drei Projekte – ›Orfeo ed Euridice‹, ›Alceste‹ und ›Paride ed Elena‹ – gilt die Begrenzung der Probenzeit auf vier Tage, jeweils der fünfte Tag ist der Tag der Premiere. Was zunächst als äußere Beschränkung scheint, ist wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Konzeption. Musikalisch und szenisch suchen wir eine innovative Form, die inhaltlich und bildnerisch der Musik mehr Raum läßt als bisher üblich, gleichzeitig aber weiter inhaltlich und bildnerisch arbeitet. Aufgrund der extrem kurzen Probenzeit ist das, was wir vorbereitend entworfen haben, eine Bilder-Folge, die wie eine Art Drehbuch für die Darsteller funktioniert. Die innovative künstlerische Phase bestand darin, das Drehbuch unserer drei Opernerzählungen zu erstellen. Daher ist unsere Arbeit mehr mit dem Erarbeiten eines Filmskripts als mit üblicher Regiearbeit zu vergleichen.

Wir haben zu einer Form gefunden, die sich neben den starken Inhalten mit Proportionalitäten auseinandersetzt. Ein Beispiel dafür ist, den Klangkörper Orchester inhaltlich mit der physischen Präsenz des Sängers zu verknüpfen, denn das Orchester ist in allen drei Opern integrierter Bestandteil der szenischen Arbeit – eine Trennung findet in diesem Sinne also nicht statt.

Zusammenfassend wollen wir die Opern in Bildern anhand von vier Merkmalen entstehen lassen. Zuerst durch die Form der Orchesteraufstellung, durch die Sängerpositionen im Verlauf der Geschichte, durch die Plazierung und Nutzung des Bühnenelements, eines multifunktionalen Kubus’ und durch das Medium Film. Der Film, die Projektion, ist unser verbindendes Element, da es seine Proportionen der jeweiligen Situation, durch uns vorgegeben, verändern und anpassen kann. Es erzählt aufgrund verschiedener Bildtechniken in jeder der drei Opern eine andere Sichtweise.

Natürlich taucht die Frage der Proportionalitäten in jeder Operninszenierung auf. Doch hier muß die Gewichtung der einzelnen Körper, Sänger, des Orchesters, Kubus’ und Films untereinander einen massiven Teil der gesamten Erzählung übernehmen.

Auf unserer Bühne wird in diesem Sinne ein StadtGefüge spürbar. Ein Gefüge, in das wir alle drei Abende integrieren.

Orfeo ed Euridice

In ›Orfeo ed Euridice‹ geht es um den Menschen in einem unpolitischen Umfeld. Es ist die Geschichte über den Künstler und seinen Zuhörer, es ist aber auch die Geschichte des Künstlers, der nach dem Tod seiner geliebten Eurydike eine Reise in die Unterwelt, als eine Reise in das Unterbewußte antritt. ›Orfeo ed Euridice‹ läßt sich – mehr als eine Suche nach Erfüllung der gemeinsamen Liebe – als die Suche nach Erfüllung von Eigenliebe verstehen. Amor ist, wie später auch in Paride ed Elena, derjenige, der als Vermittler wegweisend durch die Geschichte führt.

Alceste

In ›Alceste‹ handelt es sich um die Geschichte eines Menschen in seinem politischen Umfeld. Entscheidungen werden, anders als in ›Orfeo ed Euridice‹, nicht selbstbezüglich getroffen, sondern haben gesellschaftliche Relevanz. Im Umfeld der ständigen Öffentlichkeit verkündet der Herold den baldigen Tod des Königs Admetos. Ein Orakelspruch bietet die Möglichkeit der Rettung, falls sich jemand bereit erklärt, sich an seinerstatt zu opfern. Als sich im Land niemand findet, entschließt sich Alkeste, seine Frau, sich für ihren Mann, aber auch für das Wohlergehen des Staates zu opfern. Die Götter greifen, anders als bei ›Orfeo ed Euridice‹, ein, weil sie die Konsequenz des menschlichen Handelns berührt. Sie belohnen die Selbstaufgabe Alkestes für Mann und Staat. Alkeste wird nicht nur leben, sondern künftig auch gemeinsam mit Admetos regieren.

Paride ed Elena

›Paride ed Elena‹ ist die Geschichte einer Begegnung zweier Menschen, die selbstbezogen ihre Entscheidungen innerhalb eines politisch brisanten Umfeldes treffen. Paris, aus Troja, und Helena, aus Sparta, könnten nicht unterschiedlicher in ihrer Art sein. Paris gelingt es, Helena zu verführen. Sie werden ein Liebespaar, das selbst aufgrund eines drohenden Krieges zwischen Troja und Sparta nicht mehr von seiner Liebe lassen will. Mit der Erfüllung ihrer Liebe bewirken sie den Untergang Trojas.«

Joachim Schlömer, Susanne Øglænd

Gluck. Gluck. Gluck. Die große Gluck-Opern-Trilogie im Konzerthaus Berlin. Videofiles: Ausschnitte der Inszenierungen Soundfile: Joachim Schlömer über seine Arbeit

Konzerthausorchester Berlin